Ich sitze hier gerade in Arenal, Mallorca (auch bekannt als Ballermann) und dachte, ich schreibe mal einen kleinen Reisebericht.
Wir (ich, Patrick und der Russe Egor) haben hier ein Hotelzimmer mit Balkon, 100 Meter vom Strand entfernt und haben es uns bisher recht gut gehen lassen. Eigentlich war ja der Gedanke da, die Reise abzusagen, da mich ein paar Tage vorher meine Freundin mit Herpes angesteckt hat und es mir deswegen eher schlecht ging, besonders meiner Lippe... Jedenfalls bin ich dann doch mitgeflogen, dem Rat eines befreundeten Hautarztes, Sonne sei in so einem Fall nicht gut, trotzend.
Und es hat sich gelohnt:
Wir haben Gerd, einen Freund von Patrick, der in einer ansässigen Tauchschule arbeitet, kennen gelernt und er hat uns erst mal die Gegend gezeigt. Ein paar Mädchenbekanntschaften sind auch entstanden und somit waren die Abende auch sehr amüsant. Dann haben wir eine Buggy tour gemacht und haben so auch das Landesinnere erkundet; leider ging es nicht von Teerstraßen weg, aber da konnte man mit solchen Gefährten auch viel Spaß haben!
Vor ein paar Stunden waren wir dann noch am Strand und haben Frisbee gespielt und anschließend den Sonnenuntergang genossen, wo die Flugzeuge vom angrenzenden Flughafen in alle Welt vorbeiflogen. Nun liegen wir so da, da kommen auf einmal vor uns zwei Männer aus dem Wasser und bewegen sich komisch. Sie ziehen einen menschlichen Körper. Der eine von beiden macht einen Schrei und ich beginne sofort loszulaufen und ziehe den Mann mit raus. Am Strand rutscht er aus den Händen und fällt leblos auf den Boden. Der Mann sieht schon aus wie eine Leiche, aber seine Haut war nicht weiß. Er riecht nach Alkohol und weißer Schaum kommt aus seinem Mund und Nase. Ich sehe nur noch, wie Patrick Richtung Promenade rennt und versucht, Hilfe zu holen. Dass er nicht atmet, konnte man am sich nicht bewegenden Schaum erkennen. Ich mache Anstalten, dass jemand anderes Mund-zu-Mund-Beatmung macht, weil ich frischen Herpes habe. Die jungen Spanier verstehen aber kein Wort, oder sie taten zumindest so, auch die Blicke waren erschreckend abweisend, einen tot aussehenden Menschen zu beatmen. Also überwinde ich meinen Eckel und beatme, indem ich meine Hand auf seinen Mund presse und zur Nase rein blase. Ich fühle zwischen dem Beatmen an seinem Handgelenk und rufe: "He has pulse!". Einer der beiden Spanier massiert aber trotzdem das Herz. Es kommt immer wieder Schaum und Wasser aus seinem Mund und Nase. Ich mache Anstalten, er solle nicht Herzmassage betreiben, er macht aber kurze Zeit später trotzdem weiter, weil er wahrscheinlich nicht wusste, was er sonst machen sollte. Mir ist das irgendwie egal, ich versuche einfach nur, gut zu beatmen. Die ersten Polizisten stehen neben uns und das tatenlos. Was sollten sie auch tun, ich war ja bereits der, der den Eckel vor dem weißen Schaum überwunden hat; ich mach‘ es ja sicher richtig. Sie haben mir auch nicht gesagt, ob ich vielleicht zu oft rein puste. Man sah in ihren Gesichtern eine ähnliche Gleichgültigkeit wie bei den beiden Spaniern, die ihn aus dem Wasser gezogen hatten. Als ob sowas ständig passiere und er eh keine Chance mehr hätte.
Während des Beatmens kommt ab und zu ein Haufen Wasser, gemischt mit weißen Schaum und Essensresten aus Mund und Nase, was zusätzlich zum Eckel ein Gefühl der Zwecklosigkeit, weiter zu beatmen, hervorruft. Verzweiflung tut sich bei mir breit. Ich mache Anstalten, ihn mit Kopf schräg nach unten zu legen, wir waren ja am schrägen Strand, damit erst mal das Wasser aus seinen Lungen laufen und Blut ins Gehirn fließen kann und nicht in die Beine! Irgendwie will aber keiner dabei helfen, weil sie ihn schon aufgegeben haben oder es als zwecklos erachten. Stattdessen folge ich ihnen und ziehe ihn mit weiter rauf auf den ebenen Strand wo ich weiter beatme und der andere Herzmassage betreibt. Inzwischen gerechtfertigt, ich habe nämlich keinen Puls mehr gefühlt. Trauer macht sich bei mir breit. Mittlerweile haben die Polizisten einen Notfallkoffer mit Sauerstoffflasche aufgeklappt, wissen aber anscheinend nicht so recht, wie man damit umgeht. Ein Arzt oder zumindest einer, der sich auskennt übernimmt die Herzmassage und sagt mir, ich solle alle 30 Sekunden zwei Mal pusten. Ich bin etwas erleichtert, es halbwegs richtig zu machen, obwohl ich Trauer fühle, weil ich ihn mittlerweile abgeschrieben habe. Kurze Zeit später ist ein Notarztteam von 3 Leuten vor Ort und löst mich und den Spanier, der Ahnung zu haben scheint, ab, indem sie die Herzmassage übernehmen und einen Beatmungsschlauch in den Mund stecken. Der Defibrilator hat anscheinend einen Defekt. Es dauert ein wenig, bis Ersatz da ist und zum Einsatz kommt. Der obere Körperbereich des Mannes ist mittlerweile weiß. Ich stehe noch eine Weile da, weil ich wissen will, ob er vielleicht doch noch überlebt. Ich folge jedoch Egor, der mich mit einem mitfühlenden Blick am Arm nimmt, um zum Hotel zu gehen. Die ganze Promenade stehen Schaulustige aufgereiht, meine Augen können niemanden anblicken.